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Stephan Russ-Mohl
Stephan Russ-Mohl
Was für ein spannendes wissenschaftliches Experiment, und was für ein Sturm der Entrüstung: Die Medienforscher Jeff Hancock und Jamie Guillory vom Social Media Lab der Cornell University haben zusammen mit dem Facebook-Mitarbeiter Adam D.I. Kramer die Feeds von 700.000 nichts ahnenden Nutzern manipuliert.
Ein Teil der Facebook-User erhielt eine Woche lang überwiegend positive Nachrichten aus dem „Freundeskreis“, während der andere Teil mit einer Auswahl von schlechten Nachrichten konfrontiert wurde.
Erwartungsgemäß haben die Forscher herausgefunden, dass der vermutete „emotionale Ansteckungseffekt“ in beide Richtungen durchschlug – bei denjenigen Nutzern, die mit negativen News bombardiert wurden, drückte das auf die Stimmungslage, ihre eigenen Statements fielen entsprechend negativ aus. „Wurden dagegen die negative Nachrichten reduziert, ergab sich das umgekehrte Bild: Die Leute äußerten sich auch in den eigenen Status Updates positiv“, berichtete Hancock.
Das Projekt entpuppte sich als Zeitbombe, die erst nach zwei Jahren Anfang Juli 2014 platzte, als die Forscher ihre Ergebnisse bekannt gaben und Facebook einen schweren Reputationsschaden zufügten. Denn weltweit empörten sich die Medien darüber, dass „Nutzer als Datenspender abgemolken werden“, so exemplarisch die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Und ganz zu recht giftete das Blattweiter: „So zeigte Facebook einmal mehr, was der Begriff ‚User´ oder ,Nutzer´eigentlich bedeutet: Sie werden benutzt.“
Andererseits: Wie naiv sind wir eigentlich, dass uns so etwas noch empört? Schließlich wissen wir seit langem, dass sowohl Suchmaschinen wie Google als auch Betreiber von sozialen Netzwerken wie Facebook ihre Algorithmen nach Lust und Laune manipulieren.
Die Zürcher Medienforscherin Natascha Just bezeichnet die Giganten aus dem Silicon Valley als „teenage giants“ – wohl auch, um zu unterstreichen, dass man von Halbwüchsigen kaum ein hoch entwickeltes soziales Verantwortungsbewusstsein erwarten kann, egal ob es sich eben um Einzelpersonen oder jugendliche Unternehmen handelt, die dank ihres unermesslichen Erfolgs so rapide gewachsen sind, dass sie kaum eine Chance hatten, diesen Wachstumsprozess in halbwegs „geordnete“ Bahnen zu lenken.
Lange, viel zu lange haben „digital natives“, aber auch ältere netzaffine Zeitgenossen Konzernen wie Facebook und Google auch geglaubt, sie könnten das Motto der Google-Gründer „Don’t be evil“ tatsächlich ernst nehmen und zur Richtschnur ihres Handelns machen – bis Googles Chairman Eric Schmidt selbst in erfrischender Offenheit klar gestellt hat, dass er diesen Leitspruch für groben Unfug hält.
Ohnehin hatten die letzten Jahre ja bereits immer wieder gezeigt, dass Google, Facebook, Amazon & Co. überall dort, wo sie über Monopole gebieten, sich auch wie Monopolisten verhalten – nämlich so hemdsärmelig und eigeninteressiert, wie das in jeder vernünftigen Einführung in die Ökonomie beschrieben ist.
Google kann die öffentliche Kommunikation steuern
Ebenso naiv haben viele von uns bisher angenommen, dass Google und Facebook „nur“ ihre Algorithmen manipulieren, um ihre Bilanzen aufzubessern, aber nicht etwa, um die öffentliche Kommunikation in die eine oder andere Richtung zu steuern. Das Experiment der Cornell-Wissenschaftler belegt nun eindrucksvoll, dass die Lenkung des Datenflusses auch ganz anderen Zwecken dienen kann – und zwar ohne dass irgendwer etwas davon erfährt, es sei denn der Konzern oder die beteiligte Universität teilten es freiwillig mit, oder es gäbe in deren eigenen Reihen einen Whistleblower wie Edward Snowden.
Wobei auch das Aufbessern der Bilanzen seine Grenzen haben sollte. So wie Google es sich bezahlen lässt, wenn Suchergebnisse ganz oben vermeldet werden sollen, so bittet Facebook seit geraumer Zeit seine institutionellen Nutzer zur Kasse, wenn sie mehr Reichweite erzielen wollen. Zumindest für Non-Profit-Organisationen, die wenig Cash haben, aber vorher in ihre Facebook-Accounts im Vertrauen auf den möglichen Ausbau des eigenen Netzwerks Zeit und Energie investierten, war das eine weitere schallende Ohrfeige.
In der alten Medienwelt ließ sich aus den dicken Werbeerlösen der Medienindustrie ein öffentlicher Kommunikationsraum finanzieren, in dem es professionelle Journalisten als Schleusenwärter gab, die darauf achteten, dass die Werbetreibenden nicht diesen Raum dominierten. Mit Facebook und Google und ihren Methoden der Gewinnmaximierung sind wir auf dem besten Weg, diesen öffentlichen Diskurs-Raum zu ersticken – und wir alle schauen bisher ziemlich tatenlos zu.
Dabei bedürfte es eigentlich nur kleiner Anstrengungen (Ausweichen auf andere Suchmaschinen und soziale Netzwerke, verschlüsselte E-Mail-Kommunikation, ein wenig mehr Zahlungsbereitschaft für „unabhängigen“ Journalismus), um den „teenage giants“ ein wenig Wind aus den Segeln zu nehmen, ihr bislang unbeschwertes Leben etwas zu komplizieren und sie so besser auf das Erwachsenendasein in unseren freien Gesellschaften vorzubereiten – wohlgemerkt, in Gesellschaften, in denen „Markt“ und „Demokratie“ nicht nur Worthülsen und das „Newsspeak“ von Spin Doktoren sind, sondern deshalb weiterhin wenigstens halbwegs funktionieren, weil es der Ordnungspolitik, aber auch den Bürgern selbst immer wieder gelingt, das Freiheitsprinzip des Marktes und das Gleichheitsprinzip der Demokratie gegen die Machtansprüche von Monopolisten und Autokraten zu verteidigen.
Bildquelle: Flickr.com Open Source
