Von Florian Gathmann und Philipp Wittrock (C) www.spiegel.de
Alles wieder gut? Von wegen. Die Griechenlandkrise lässt Angela Merkel und Wolfgang Schäuble nicht los, der Konflikt zwischen Kanzlerin und Finanzminister könnte sogar eskalieren. Drei Szenarien.
Ein bisschen Abstand zwischen Wolfgang Schäuble und Angela Merkel kann derzeit sicher nicht schaden. Der Finanzminister fährt zum Urlaub auf die Nordseeinsel Sylt. Die Kanzlerin zieht es in die entgegengesetzte Richtung: Wie immer schaut sie bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth vorbei, dann wird sie wohl einige Tage beim Wandern in Südtirol ausspannen.
Merkel und Schäuble brauchen nicht nur Erholung von den jüngsten Verhandlungsstrapazen in der Eurokrise. Die beiden dürften auch froh sein, ein wenig Ruhe vom jeweils anderen zu haben. Die Ruhe aber wird, wenn überhaupt, nur ein paar Tage halten. Und sie wird trügerisch sein.
Denn das Griechenland-Drama macht keine Sommerpause. Die Verhandlungen über das dritte Hilfspaket stehen an, und spätestens Ende August wohl auch eine weitere Sondersitzung des Bundestages. Dann wird sich der Widerstand in der Union neu formieren - und zwischen Merkel und Schäuble droht wieder Ärger. Ein Ärger, der schon jetzt die Statik der gesamten Regierung gefährdet und im schlimmsten Fall im ganz großen Knall enden kann.
Die Differenzen über den richtigen Kurs bei der Rettung Griechenlands hatten zuletzt für heftige Spannungen im Regierungslager gesorgt. Sie gipfelten in einer kaum verhohlenen Rücktrittsdrohung Schäubles im SPIEGEL, auf die Merkel im ARD-Sommerinterview etwas genervt reagierte. Schluss mit der Grexit-Debatte, forderte die CDU-Chefin, jetzt werde verhandelt.
Aber wird Merkels Basta Schäuble beeindrucken? Wie geht es weiter mit den beiden? Drei Szenarien:
Der Knall: Schäuble tritt zurück
Die Lage ist kompliziert. Merkel will Griechenland im Euro halten. Doch jetzt werden die Details des dritten Hilfspakets verhandelt, und für die Bundesregierung sitzt Schäuble am Tisch. Der hält die Sanierung Griechenlands außerhalb der Währungsunion für die bessere Alternative - und könnte das noch einmal klarmachen. Merkel müsste ihren Minister dann zurückpfeifen.
Würde Schäuble sich das gefallen lassen? Einem wie ihm traut man den Rücktritt aus Überzeugung zu. Die zuletzt scharfe Kritik an seiner harten Verhandlungsführung hat er abprallen lassen. Gern kokettiert der 72-Jährige mit seiner langen Karriere. Seine Botschaft: Ihm kann keiner mehr etwas vormachen. Schäuble glaubt, nur er habe den Durchblick. Dass die Unionsabgeordneten und auch die Mehrheit der Deutschen ihn für seine Härte lieben, bestärkt den Kabinettssenior in seinem Gefühl. Für den Moment hat er sich untergeordnet - aber wie lange?
Andererseits: Die Folgen eines Rücktritts, das weiß Schäuble, wären gravierend. Die Kanzlerin wäre in schwersten Turbulenzen, genauso die Koalition. Die eben noch blendenden Wahlaussichten der Union würden sich auf einen Schlag dramatisch verschlechtern. Dass Schäuble solche Verheerungen für eine persönliche Genugtuung in Kauf nehmen würde, ist unwahrscheinlich.
Aus den gleichen Gründen kann Merkel Schäuble nicht einfach rauswerfen, wenn sie seine Querschüsse nicht länger akzeptieren will. Zu populär ist ihr Schatzmeister, nicht nur im Volk, sondern auch bei den eigenen Leuten.
Merkel schmeißt hin
Wer Angela Merkel im ARD-Interview erlebt hat, sah eine erschöpfte Kanzlerin. Kein Wunder, nach den Verhandlungsstrapazen der abgelaufenen Woche. Aber auch das Ringen mit Finanzminister Schäuble hat die Kanzlerin Kraft gekostet.
Denn ihr wichtigster Minister zeigt der mächtigsten Frau der Welt die Grenzen ihrer Macht auf: Schäuble spielt sein eigenes Spiel, und Merkel muss ihn ein Stück weit gewähren lassen. Schäuble ist so wichtig für die Kanzlerin und ihre Partei, dass es ohne ihn nicht geht.
Das kratzt dauerhaft an ihrer Autorität. Und hat nicht auch eine Kanzlerin irgendwann genug? Ist es nicht vorstellbar, dass Merkel sagt: Es reicht, ich schmeiße hin? Merkel ist zehn Jahre im Amt, länger regierten im Nachkriegsdeutschland nur Konrad Adenauer und Helmut Kohl. Sie muss sich nichts mehr beweisen, hat ihren Platz in den Geschichtsbüchern sicher.
Doch die Deutung ihres Rücktritts wäre eine, die Merkel nicht wollen kann: Sie wäre die Gescheiterte, die sich entnervt aus der Verantwortung für Europa stiehlt, die vor dem Widerstand ihres Finanzministers und der eigenen Abgeordneten kapituliert.
Merkel und Schäuble wurschteln weiter
Es knirscht gewaltig zwischen der Kanzlerin und ihrem Finanzminister; und dennoch spricht vieles dafür, dass die beiden Politikprofis jetzt Urlaub machen - und dann weiter wie bisher. Merkel würde versuchen, Europa zusammenzuhalten, während Schäuble als oberster Kassenwart der Republik auf die Euros der Deutschen achtet und für die Kanzlerin gleichzeitig jene Unionsabgeordneten einfängt, die eigentlich gegen weitere Griechenland-Hilfen sind.
Für Merkel wird es zwar immer wieder unangenehm werden, sobald die Differenzen zwischen Schäuble und ihr öffentlich wahrnehmbar sind - aber mit diesem Autoritätsverlust muss sie leben. Sie kann sich eine Demission Schäubles schlichtweg nicht leisten; er kann zwar ohne sie, aber sie nicht ohne ihn.
Der Finanzminister wiederum dürfte mit diesem Tolerierungsmodell keine Probleme haben. Er gilt als graue Eminenz der Koalition, auch wenn die Kanzlerin gelegentlich unter ihm leidet. Und wer weiß, vielleicht ist Schäuble ja sogar so freundlich, die Merkel-Linie künftig ein bisschen euphorischer zu vertreten und seine Skepsis ein bisschen weniger deutlich zu zeigen.
Alles wieder gut? Von wegen. Die Griechenlandkrise lässt Angela Merkel und Wolfgang Schäuble nicht los, der Konflikt zwischen Kanzlerin und Finanzminister könnte sogar eskalieren. Drei Szenarien.
Ein bisschen Abstand zwischen Wolfgang Schäuble und Angela Merkel kann derzeit sicher nicht schaden. Der Finanzminister fährt zum Urlaub auf die Nordseeinsel Sylt. Die Kanzlerin zieht es in die entgegengesetzte Richtung: Wie immer schaut sie bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth vorbei, dann wird sie wohl einige Tage beim Wandern in Südtirol ausspannen.
Merkel und Schäuble brauchen nicht nur Erholung von den jüngsten Verhandlungsstrapazen in der Eurokrise. Die beiden dürften auch froh sein, ein wenig Ruhe vom jeweils anderen zu haben. Die Ruhe aber wird, wenn überhaupt, nur ein paar Tage halten. Und sie wird trügerisch sein.
Denn das Griechenland-Drama macht keine Sommerpause. Die Verhandlungen über das dritte Hilfspaket stehen an, und spätestens Ende August wohl auch eine weitere Sondersitzung des Bundestages. Dann wird sich der Widerstand in der Union neu formieren - und zwischen Merkel und Schäuble droht wieder Ärger. Ein Ärger, der schon jetzt die Statik der gesamten Regierung gefährdet und im schlimmsten Fall im ganz großen Knall enden kann.
Die Differenzen über den richtigen Kurs bei der Rettung Griechenlands hatten zuletzt für heftige Spannungen im Regierungslager gesorgt. Sie gipfelten in einer kaum verhohlenen Rücktrittsdrohung Schäubles im SPIEGEL, auf die Merkel im ARD-Sommerinterview etwas genervt reagierte. Schluss mit der Grexit-Debatte, forderte die CDU-Chefin, jetzt werde verhandelt.
Aber wird Merkels Basta Schäuble beeindrucken? Wie geht es weiter mit den beiden? Drei Szenarien:
Der Knall: Schäuble tritt zurück
Die Lage ist kompliziert. Merkel will Griechenland im Euro halten. Doch jetzt werden die Details des dritten Hilfspakets verhandelt, und für die Bundesregierung sitzt Schäuble am Tisch. Der hält die Sanierung Griechenlands außerhalb der Währungsunion für die bessere Alternative - und könnte das noch einmal klarmachen. Merkel müsste ihren Minister dann zurückpfeifen.
Würde Schäuble sich das gefallen lassen? Einem wie ihm traut man den Rücktritt aus Überzeugung zu. Die zuletzt scharfe Kritik an seiner harten Verhandlungsführung hat er abprallen lassen. Gern kokettiert der 72-Jährige mit seiner langen Karriere. Seine Botschaft: Ihm kann keiner mehr etwas vormachen. Schäuble glaubt, nur er habe den Durchblick. Dass die Unionsabgeordneten und auch die Mehrheit der Deutschen ihn für seine Härte lieben, bestärkt den Kabinettssenior in seinem Gefühl. Für den Moment hat er sich untergeordnet - aber wie lange?
Andererseits: Die Folgen eines Rücktritts, das weiß Schäuble, wären gravierend. Die Kanzlerin wäre in schwersten Turbulenzen, genauso die Koalition. Die eben noch blendenden Wahlaussichten der Union würden sich auf einen Schlag dramatisch verschlechtern. Dass Schäuble solche Verheerungen für eine persönliche Genugtuung in Kauf nehmen würde, ist unwahrscheinlich.
Aus den gleichen Gründen kann Merkel Schäuble nicht einfach rauswerfen, wenn sie seine Querschüsse nicht länger akzeptieren will. Zu populär ist ihr Schatzmeister, nicht nur im Volk, sondern auch bei den eigenen Leuten.
Merkel schmeißt hin
Wer Angela Merkel im ARD-Interview erlebt hat, sah eine erschöpfte Kanzlerin. Kein Wunder, nach den Verhandlungsstrapazen der abgelaufenen Woche. Aber auch das Ringen mit Finanzminister Schäuble hat die Kanzlerin Kraft gekostet.
Denn ihr wichtigster Minister zeigt der mächtigsten Frau der Welt die Grenzen ihrer Macht auf: Schäuble spielt sein eigenes Spiel, und Merkel muss ihn ein Stück weit gewähren lassen. Schäuble ist so wichtig für die Kanzlerin und ihre Partei, dass es ohne ihn nicht geht.
Das kratzt dauerhaft an ihrer Autorität. Und hat nicht auch eine Kanzlerin irgendwann genug? Ist es nicht vorstellbar, dass Merkel sagt: Es reicht, ich schmeiße hin? Merkel ist zehn Jahre im Amt, länger regierten im Nachkriegsdeutschland nur Konrad Adenauer und Helmut Kohl. Sie muss sich nichts mehr beweisen, hat ihren Platz in den Geschichtsbüchern sicher.
Doch die Deutung ihres Rücktritts wäre eine, die Merkel nicht wollen kann: Sie wäre die Gescheiterte, die sich entnervt aus der Verantwortung für Europa stiehlt, die vor dem Widerstand ihres Finanzministers und der eigenen Abgeordneten kapituliert.
Merkel und Schäuble wurschteln weiter
Es knirscht gewaltig zwischen der Kanzlerin und ihrem Finanzminister; und dennoch spricht vieles dafür, dass die beiden Politikprofis jetzt Urlaub machen - und dann weiter wie bisher. Merkel würde versuchen, Europa zusammenzuhalten, während Schäuble als oberster Kassenwart der Republik auf die Euros der Deutschen achtet und für die Kanzlerin gleichzeitig jene Unionsabgeordneten einfängt, die eigentlich gegen weitere Griechenland-Hilfen sind.
Für Merkel wird es zwar immer wieder unangenehm werden, sobald die Differenzen zwischen Schäuble und ihr öffentlich wahrnehmbar sind - aber mit diesem Autoritätsverlust muss sie leben. Sie kann sich eine Demission Schäubles schlichtweg nicht leisten; er kann zwar ohne sie, aber sie nicht ohne ihn.
Der Finanzminister wiederum dürfte mit diesem Tolerierungsmodell keine Probleme haben. Er gilt als graue Eminenz der Koalition, auch wenn die Kanzlerin gelegentlich unter ihm leidet. Und wer weiß, vielleicht ist Schäuble ja sogar so freundlich, die Merkel-Linie künftig ein bisschen euphorischer zu vertreten und seine Skepsis ein bisschen weniger deutlich zu zeigen.
