Vor dem WM-Spiel gegen Portugal ist es ein Rätsel, wen Bundestrainer Joachim Löw in der deutschen Nationalmannschaft auflaufen lässt. Das hat System, die Unberechenbarkeit ist eine starke Waffe.
Der Fußball ist komplett vermessen. Egal, wo heutzutage auch nur auf halbwegs professionellem Niveau gespielt wird, ergießt sich anschließend eine Datenlawine auf alle Beteiligten: Laufwege, Kilometerleistung, Ballbesitz, Torschüsse, Pässe, Ecken, Pfostentreffer – alles verfügbar. Gefühlte Wahrheiten werden weggewischt von Fakten. Das Spiel ist durchleuchtet bis auf die Knochen.
Nur vor dem Anpfiff gibt es noch Raum für Geheimnisse, für Spekulationen. Je wichtiger das Spiel, desto begeisterter wird debattiert. Ob an Stammtischen oder im Büro, in der Straßenbahn oder am Abendbrottisch: Es werden Vor- und Nachteile der Spieler abgewogen, Formkurven analysiert, Spielsysteme gewälzt. Und am Ende hat jeder eine eigene Startformation, die er bevorzugt.
Vor dem ersten deutschen Spiel bei der Weltmeisterschaft in Brasilien ist das nicht anders. Es wird vielleicht mehr spekuliert als je zuvor. Denn meistens zeichnete sich die erste Elf vor einem Turnier ab. Diesmal aber ist alles offen. Mehr noch: Es ist alles möglich.
Außer Matthias Ginter, Christoph Kramer und Shkodran Mustafi gibt es wohl derzeit keinen der 20 Feldspieler, der sich nicht zumindest insgeheim Hoffnungen auf einen Platz in der Startelf am Montag gegen Portugal machen kann. Bei Joachim Löw, dessen Aufstellungen oft unvorhersehbar waren, wäre es sogar denkbar,dass Kevin Großkreutz plötzlich statt Jerome Boateng auf der rechten Abwehrseite auftaucht. Und sollte der Bundestrainer in seinen Analysen die Idee gekommen sein, Julian Draxler statt Lukas Podolski oder Andre Schürrle auf der linken offensiven Seite zu bringen, wird er das tun. (Die Welt)
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